Kyrene

Für Sandra

Das Kirchenschiff ist dunkel. Sie schreitet allein
hin zum Altar, wo die Bahre steht.
Golden glänzt ihr Haar im sanften Widerschein
der Kerze, die den Leichnam erhellt.

Zögernd kniet sie nieder und nimmt seine Hand,
so kühl und so fremd und doch vertraut,
spürt zum ersten Male, seit sie ihn gekannt,
seine Berührung, die Schmerz und Entsagung noch immer enthält.

*

Andre haben nächtens bei ihm gewacht,
andre haben um ihn geweint.
Ihr war keine Träne, kein Schmerz zugedacht,
war er für sie doch weder Verwandter noch Freund.

Und doch glänzt ihr Haar im selben Gold,
und doch lag in seinem Blick dasselbe sanfte Glüh'n.
Und ahnend, was sie niemals ahnen sollt',
kniet sie nun hier und betet, betet für ihn.

Ihre Mutter weinte sich die Augen rot,
und bitter weinte jener, den sie Vater heißt,
weinten um Treue, geraubt vom Tod
und ein Geheimnis, um das niemand weiß.

Andre weinten nur um jenen Mann,
den kühnsten, schönsten Ritter, den der Hof je sah,
dessen Lächeln jedes Herz gewann
und der jedem in der Not zur Seite war.

Doch er gab sich niemals wirklich ganz,
und den Herzen, die ihn warben, war er Untergang,
und immer wob durch seinen Glanz
eine Düsternis, die niemand je durchdrang.

Niemals schenkte er ihr einen Blick,
niemals nur ein Lächeln, oder sprach zu ihr.
Ihr ganzes Leben war er nie
so wirklich nah, doch niemals wirklich fern von ihr.

Und ihren Eltern war er Bruder, war er Freund,
war Licht, das wärmt und Horizonte gibt,
und nichts ist jemals, wie es scheint,
und die Wahrheit kennt einzig der, der liebt.

*

Das Kirchenschiff ist dunkel. Ganz still kniet sie da
und hält seine Hand und sieht ihn an
und weint um jenen Fremden, der so sonderbar
sie liebte und sie mied und der ihr Vater war,
und vergibt ihm und hofft, dass auch er
sich vergeben kann.

Crystal 07.10.2008